Die ersten Tage Master: Ein Überblick

Das Semester fängt für ein Fach, das auf „Wissenschaft“ endet ziemlich körperpraktisch an. Vor mir und meinen nur 17 Kommilitonen steht eine kleine Frau mittleren Alters, die freundlich lächelt und doch sehr neugierig erscheint. Sie ist im Schauspiel tätig, lehrt aber auch in diesem Bereich und möchte uns „Schauspielsemester eins“ ein wenig erfahrbar machen. Erster Angstschweiß bildet sich bei einigen Studenten, doch dann geht es schon los. Körperübungen, Haltung, Stimme, Wahrnehmung. Die anfängliche Skepsis ist überwunden und wie eine wilde Horde turnt, läuft, singt und springt die Gruppe durch den Raum. Mal ist es laut, mal leise. Als wäre es normal durchleben wir das, was nebenan an der Schauspielschule wahrscheinlich trockener Alltag ist. Warm-up vom Zeh bis zu den Stimmbändern. Angehende Theaterwissenschaftler in Action. Sogar der Studiengangskoordinator macht mit.
Am Ende gibt man untereinander zu, dass das doch echt Spaß gemacht hat und setzt sich irgendwie total zufrieden wieder auf seinen Platz auf der Studiobühne. Auch wenn nur die kleinen Scheinwerfer an sind, ist es zum Ersticken heiß geworden. So viel Bewegung heizt auf.
„Ich hoffe, Ihnen hat unser kleiner Exkurs gefallen,“ meldet sich unser Professor zu Wort. „Da Sie aber nun keine Schauspieler, sondern angehende Wissenschaftler sind, sprechen wir jetzt noch über das, was gerade passiert ist. Wie ist Ihre Wahrnehmung? Welche Veränderungen haben Sie bei sich und der Gruppe gemerkt?“
Und da ist er, der heranrückene Studienalltag.
Willkommen in der Theaterwissenschaft!

„Pia, standest du schon mal auf der Bühne?,“ die Schauspiellehrende aus den Übungen steht neben mir und schaukelt das Baby einer Kommilitonin. Ich sehe überrascht von meinem Stundenplan auf, der noch ein paar Korrekturen erhalten hat. „Äh, ja, aber eher nicht so,“ antworte ich ihr. Sie muss lachen, ich will gar nicht wissen, wie verwirrt ich aussehen muss. „Du hast ne gute Haltung. Dein Fuß ist stark. Tanzt du?,“ fragt sie weiter. Ich nicke. Leider musste ich den Ballettunterricht durch meine Arbeit am Theater an den Nagel hängen. Passte zeitlich hinten und vorne nicht. „Falls du mal wieder Lust drauf hast: Ich hab Kontakte zu ein paar tollen Tanzkollektiven. Schreib mir ne Mail und ich mach da was.“ – „Oh, das ist nett. Danke.“ Ich weiß nicht, ob ich ihr Angebot annehmen werde, meine Woche ist jetzt schon so voll und empfinde mich doch eher als weniger begabt, wenn es ums Tanzen geht. Das sage ich ihr auch so, sie schüttelt den Kopf: „Finde ich nicht. Du hast ein gutes Körpergefühl, wenn du dran arbeitest wird das was.“

Meine Kommilitonin schiebt mich ungeduldig vor sich her. Fast packt es mich hin, knistern die zerbröckelten Kreideplatten unter meinen Füßen. Die Scheinwerfer brennen mir auf die Haare und es riecht so gewohnt nach Kleiderfundus und heißen Drähten. Die Bühne der Kammerspiele ist voller Menschen, ich stehe dazwischen und schaue in den halbleeren Saal. Es ist mein zweiter Mastertag, eigentlich schauen wir ein Stück, bis wir dann auch Teil davon werden. Ouzo-Flaschen wandern durch die Menge, doch während die meisten Zuschauer aufgeregt dem Geschehen neben ihnen folgen, zieht mein Blick über das Drumherum. Ich scanne die Bühne, die Szene,das Bühnenbild, nehme war, wie die Live-Kameras gestellt sind, wie das indirekte Licht installiert wurde, dass die Holztür neben mir einen Riss hat und wie wahnsinnig tief die Bühne überhaupt ist. Ich suche die Schauspieler in der Menge aus Zuschauern und stehe auch noch so glücklich, dass ich fast schon im Weg stehe. Immerzu läuft jemand an mir vorbei und während sonst wo gespielt wird, dreht sich einer der Kollegen etwas versteckt hinter einem Tresen eine Kippe. Wenn man schon Party spielt, dann wird da halt auch geraucht. Wieder denke ich nach, versuche mir vorzustellen  wie die Endproben für diese Szene wohl aussah und was für eine Herausforderung es ist, eine Szene zu bauen, wenn man auf die Willkür der Zuschauer als Teil des Ganzen Rücksicht nehmen muss. Ich denke an das Stück, überlege mir, wie absurd die sonst so tragische Orestie hier dargestellt wurde, denn eine wirklich Tragik kommt bei dem Trubel nicht auf. Soll es wohl auch nicht, auch wenn Muttermörderin Elektra schon ein wenig betreten dreinschaut und ihr Verlobter Pylades bei all dem Chaos, der drohenden Hinrichtung seiner Fast-Frau und Schwager und den ranghohen Gästen kurz vor dem Wahnsinn steht. Da hilft nur Schnaps.
Als ich am Ende der Szene wieder in meinem Sessel im Saal sitze, bin ich doch zufrieden. Nicht nur, dass mir das Stück im Allgemeinen sehr gut gefallen hat, ich durfte mir auch mal die Bühne von oben anschauen. Sehr nett!

Am Ende meiner ersten beiden Studientage bin ich zufrieden und voller Tatendrang. Loslegen und lernen – darauf freue ich mich. Jetzt zählt erstmal, wieder in den Studienrhythmus hereinzukommen und sich mit all dem Neuen anzufreunden.

Pia

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Dienstagsgedanken oder das Dorf, die Großstadt und alles drumherum

1. Der Nachbarsjunge rennt durch den Vorgarten und versucht das weiße, verwirrt flatternde Huhn noch irgendwie zu erwischen. Ich vermute, er soll Eier für das anstehende Familienfrühstück sammeln, stattdessen macht er sich einen Spaß daraus, die Hühner ein bisschen zu ärgern. So schnell das Federvieh sich aufregt, so beruhigt es sich wieder.

2. Ich recherchiere für mein Studium. Das eine Projekt ist in Kooperation mit einem lokalen Schauspielhaus. Ich scrolle durch den Spielplan und entdecke zufällig die Produktion, an der wir lernen sollen und die uns beim Arbeiten inspirieren soll. Es ploppt ein Foto mit lebensechten Roboterpuppen auf. Na danke. Das ist ja mal genau mein Ding – nicht. Spannend wird es bestimmt trotzdem, der Regisseur bzw. das Regiekollektiv sind für außergewöhnliche Arbeiten international bekannt. Lasset die Puppen also tanzen!

3. Wie lange hält es ein Pferdemädl ohne aus? Richtig! Eine Woche. Donnerstag bin ich in der neuen Heimat zum Reiten verabredet. Ein bisschen Sport muss eben sein und da man mich weder ins Fitnessstudio noch in andere Sportbunker bekommt, muss es halt wieder auf dem Pferd sein. Ich freu mich, es gibt definitiv schlimmeres.

4. Ich gebe zu, ich schäme mich. Zumindest ein klitzekleines Bisschen. Seit Wochen liegt die Textfassung eines Bekannten bei mir auf dem Schreibtisch und ich schleiche leise drumherum. Angefangen habe ich schon, nur fehlt mir entweder die Zeit oder die Nerven um an dem Ding vernünftig weiterzuarbeiten. Dabei ist das Stück wirklich spannend und sprachlich interessant. Grrrrrr, blöde Unproduktivität!

5.“Ich hab da wen für dich gefunden,“ erzählte mir freudig Frau Gesangslehrerin. Nächstes Jahr stehen einige Vorsingen bei mir im Kalender, auf die sie mich leider nicht vorbereiten kann, ziehen wir beide voneinander weg. So wie ich sie kenne, hat sie mir aber wen rausgesucht, der das schon regeln wird. Jetzt bin ich vor allem auf das erste Treffen gespannt und rücke meine liebe Eliza auf dem Notenständer hin und her. Auch wenn ich Zuhause durch die Mitbewohner und die dünnen Wände nicht zum Üben komme, muss ich am Text dran bleiben, sonst ist der bald wieder aus dem Gedächtnis verschwunden. Wäre etwas peinlich, wenn man das Liedchen als Stück zum Vorsingen bei den neuen Lehrern heraus gesucht hat, der erste Eindruck zählt schließlich.

6. Umziehen ist irgendwie komisch. Man fühlt sich nach dem Aufbauen der Möbel und dem Einräumen des Zeugs zwar schon recht wohl, ein seltsames Gefühl bleibt aber bestehen. Alles scheint so weit weg: Die Freunde, die Familie, die Tiere. Das Ganze ist ein Gefühlscocktail. Aufregend, bunt, ungewohnt, neu. Ich kann mich gar nicht entscheiden, was ich genau von all dem hier halten soll. Fragt man mich drei Mal am Tag, bekommt man drei Mal eine andere Antwort. Sagen wir: Es ist alles noch sehr einlebensmäßig.

Auf Wiedersehen, kleines Theater!

Ich kann es kaum fassen, wie die Zeit in den letzten Wochen gerannt ist. Gerade war ich noch am nahgelegenen Stadttheater und hab mich tagein-tagsaus mit Schiller beschäftigt, dann hab ich mich fix für meinen anstehenden Master immatrikuliert und nun sitze ich hier und habe meinen letzten Arbeitstag im Büro des kleinen Theaters, das mich seit meinem Bachelor letzten Jahres begleitet.
Wieder einmal befällt mich die Wehmut, habe ich immer gerne mit den Kollegen zusammenarbeitet und durfte an mir selbst wachsen. Von meinem ersten Beitrag in den sozialen Medien, über die Betreuung unserer Gastspiel-Ensembles und Künstler bis hin zu meiner ersten ganz eigenen Abend- und Konzertleitung. Es ist viel passiert und ich durfte viel ausprobieren, habe viel gelacht und viel die Bühne gefegt (hier macht halt jeder alles, wenn Hilfe benötigt wird). Auch wenn es nur ein winziges Häuschen ist, hat es mir das Theater nähergebracht. All die schönen Momente, wenn die Zuschauer glücklich nach der Veranstaltung aus dem Saal strömen bis hin zu bitteren Wahrheiten wie roten Zahlen, Terminstress und schwierigen Kunden.
Theater, das ist nicht nur heile Welt und buntes Treiben, sondern auch Kampf ums Überleben und des „Sich-nicht-zu-fein“-Seins.

Glücklicherweise darf ich aber auch in Zukunft für das kleine Theater weiterarbeiten. Da meine Aufgaben auch viel in den sozialen Medien stattfinden und Pressetexte und co. auch über die Ferne hinweg geschrieben werden können, haben meine Chefin und ich abgemacht, dass ich ihr auch zukünftig unter die Arme greifen soll. Alle ein bis zwei Wochen gibt es dann eine To-Do-Liste, die ich abarbeiten muss.
So freue ich mich nicht nur über den weiteren Kontakt und die kontinuierliche Arbeit, die ja auch Erfahrungen bringt, sondern auch darüber, dass ich die Nebenjobsuche in der neuen Stadt entspannter angehen kann, habe ich ja weiterhin ein kleines Einkommen.

Mit diesem guten und doch auch bedrückten Gefühl tippe ich jetzt noch ein paar Textchen, anschließend geht es dann wieder einmal zum Singen, wobei dort heute eine kleine Überrachung auf mich wartet: Meine Gesangslehrerin hat nämlich ihre Kontakte spielen lassen und mir einen neuen Lehrer in der neuen Stadt besorgt. Da ich im kommenden Semester plane, zu einigen Vorsingen zu gehen, brauche ich unbedingt jemanden, der mir unter die Arme greift und mit mir weiterübt. Ich bin gespannt!

Umzugskartons und Stundenpläne

„Ab in den Süden, der Sonne hinterher“ heißt es in einem bekannten deuschen Lied. In den Süden ging es die letzten Tage zwar, von Sonne hab ich allerdings nicht viel gesehen.
Abends bahnte sich schon eine dicke Wolkendecke an, als ich die Umzugskartons in mein neues Heim geschleppt habe. Das Wetter hielt sich auch noch beim gemeinsamen Pizza-Essen mit den neuen Mitbewohnern. Keine zwei Stunden später ging dann allerdings die Welt unter.

Am nächsten Morgen sah es nicht besser aus: Die bayrische Landeshauptstadt schwamm davon. In der U-Bahn lief das Wasser in Strömen die Treppen hinunter, vor der Uni hatte sich ein kleiner See gebildet und meine Schuhe waren eh schon seit dem Weg durch die Hauseinfahrt durchgeweicht. Was eine herzliche Begrüßung. Aber was soll’s, von schlechtem Wetter hab ich mich bisher nie abhalten lassen. Umso glücklicher bin ich jetzt, meinen neuen Studentenausweis in der Hand zu halten und damit endlich ab Oktober wieder fleißig zu lernen.
Meine Entscheidung, einen Master zu studieren, steht schon so lange fest und doch war ich mir nie sicher, ob es wirklich eine gute Idee ist. Geschweige denn, dass ich überhaupt irgendwo einen Studienplatz bekomme.
Jetzt habe ich diesen Schritt endlich geschafft und das Kämpfen hat sich gelohnt. Zwar wird mein Herz ein wenig wehmütig, wenn ich an den Umzug denke und daran, dass meine Familie und Freunde dann mehrere Stunden Autofahrt weit weg sein werden. Trotzdem kann ich es kaum erwarten, loszulegen und einen langfristig geregelten Alltag zu haben. Dieses mal Hier, mal Da ist dauerhaft echt nichts für mich…

In diesem Sinne widme ich mich nun weiter dem Schreiben der Einladungen für meine bevorstehende Abschiedsfeier und besorge nachher noch neue Umzugskartons. Schließlich sind es nur noch knapp zwei Wochen bis das Abenteuer beginnt.

Pia

Eine wehmütige Premiere

Meine Erfahrungen als Dramaturgiehospitantin VI

Es ist nun tatsächlich fast genau auf den Tag ein Jahr her, dass ich mein Praktikum in der Dramaturgie und Öffentlichkeitsarbeit am heimischen Landestheater begonnen habe. Ein Jahr, das nie ein Jahr werden sollte, sondern eigentlich nur eine 8-wöchige Beschäftigungstherapie, bis es weitergehen sollte. An 8 Wochen Praktikum schlossen noch 8 Wochen Hospitanz, noch mehr Stücke, eine Anstellung und noch eine weitere 8 Wochen Hospitanz an. Verrückt.

Ein Jahr Theater, das war ein Jahr voller Liebe am Arbeiten, Freude am Lernen und Kennenlernen von wundervollen Menschen. Ich habe neue Freunde gefunden und eine alte Leidenschaft wiederentdeckt.
Doch alles, was einmal anfängt, hat auch irgendwie ein Ende. Naja, ein richtigs Ende ist es nicht, aber trotzdem schaue ich auch sehr wehmütig auf die heutige Premiere. Mein Praxisjahr am Theater geht zu Ende, ein fundermentaler Umzug steht an und ein aufregendes Studium vor der Tür.
Ich freue mich auf all das: Auf die neuen Aufgaben und das Wissen, meine bunt gemischte WG, das erste Mal eine Großstadt meine Heimat zu nennen, alte Freunde wiederzutreffen und nicht zuletzt, dass das Theater weiterhin einen Platz in meinem Leben haben wird.
Es ist alles so, wie es nie sein sollte und doch genau richtig! Ich möchte nichts davon ändern oder eintauschen.

Heute heißt es allerdings genießen: Unser kämpferisches Schauspiel, das lange nicht so recht wusste, was es werden wollte und doch endlich erwachsen geworden ist. Die Premierenfeier neben den Menschen, die ich in den vergangenen Wochen auch ein wenig ins Herz geschlossen habe, denen ich versprochen habe, bei Zeiten mal wieder vorbeizuschauen und die Ruhe vor dem Sturm voller Umzugskartons, Ikea-Bauplänen und Abschiedtränen.

Damit verabschiedet sich die Dramaturgiehospitantin und wird wieder zur Studentin. Auf ein Wiedersehen!

Toi Toi Toi!