Spielzeitpause ohne Pause

Meine Erfahrungen als Dramaturgiehospitantin V

Geschafft!
Sommerferien!
Es ist fast wie damals in der Schule: Alle kratzen an den Tischen, zappeln unruhig an ihren Plätzen herum und warten auf den erlösenden Gong, naja, Feierabend.

Spielzeitpause heißt Regeneration und mal was anderes sehen, als das Theater.
Normalerweise.
Denn bei mir beginnt die Pause mit der Vorbereitung für eine Aufnahmeprüfung und das heißt: Stückanalyse. Großartig.

Während alle ihren Sommerurlaub planen, drucke ich mir 112 Seiten Richard III von Shakespeare aus. Loche sie und lege sie mir auf den Schreibtisch.
Kollege klopft mir aufmunternd auf die Schulter: „Leidenschaft, Pia,“ flüstert er mir zu und erntet einen bösen Blick. „Die hab ich gerade verloren,“ murre ich. Er lacht. Ich nicht. Naja, doch. Ich lache auch.

Ich liebe die Arbeit am Theater und an den Stücken – klar. Trotzdem hatte ich mich darauf gefreut, auch mal ein paar Wochen ewas anderes machen zu können. Freunde treffen, mal ein „normales“ Buch lesen, mit dem Pferd über die Felder zuckeln oder mit der Familie zu Abend essen.
Das mache ich auch, trotzdem holt mich der liebe Richard immer wieder zurück in die Welt der Geschichten und Aufführungen, denn für eine Aufnahmeprüfung vorbereiten heißt, das Ding verstehen und wirklich durcharbeiten. Shakespeare recherchieren, alles einordnen und wie einen guten Freund kennenlernen.

Nebenbei unterstütze ich meine Chefin im kleinen Theater noch bei ein paar letzten Dingen, die vor den Ferien hier noch erledigt werden müssen: Veranstaltungen in den sozialen Medien erstellen, Beiträge planen und zusammenstellen, neue Ideen für kommende Projekte sammeln und bei Abendveranstaltungen aushelfen.

Ich liebe die Arbeit am Theater und da ich derweil auch Zuhause bin, kann ich die Zeit zwischen den Terminen und der Arbeit wirklich genießen. So fahre ich an meinen entspannten Tagen auch zum Pferd, koche für meine Eltern, fahre mit meinem kleinen Cousin und der kleinen Cousine Abenteuer erleben oder quatsche bei einer Tasse Tee mit meiner Oma, die sich schon beschwert hat, dass ich in den letzten Wochen so selten vorbeigeschaut habe.
Das ist auch Urlaub, sogar ein sehr schöner.
Quality Time halt.

Morgen ist es dann soweit und die Prüfung ist geschafft. Dann fängt offiziell meine theaterfreien Sommerferien an. Is dahin versuche ich, meine Nervosität irgendwie unter Kontrolle zu behalten und genieße es, eine neue Stadt kennenzulernen.

Pia

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Da ist sie, die Routine!

Meine Erfahrungen als Dramaturgiehospitantin IV:

Morgens hin, mittags zurück.

Pause.

Nachmittags hin, nachts zurück.

Pause.

Wiederholen.

So in etwa sieht mein Alltga derzeit aus: Ich sitze auf den Proben der Produktion, lese und beobachte. Zwischendurch wird gequatscht, Mittagessen gegangen, ich schreibe Bewerbungen, halte ein Nickerchen, raffe mich hin und wieder zum Sport auf und fahre an den Wochenende nach Hause.
Klingt langweilig, ist es zugegebenermaßen auch manchmal, meistens aber nicht. Die Leute sind einfach zu nett, wir lachen viel zu oft miteinander, als dem Ganzen etwas Negatives anzudichten.
Wenn ich jetzt noch nicht so viele Probleme mit meiner Airbnb-Gastgeberin und der Wohnung hätte… aber das ist eine andere Geschichte.

Trotzdem muss ich leise anmerken, dass ich gerne mehr zu tun hätte. Also richtig was Praktisches zu tun. Schreiben, recherchieren, oder was auch immer sonst so anfallen mag. Das kommt dann doch ein klein wenig zu kurz, weshalb meine Dramaturgiehospitanz fast schon mehr eine Regiehospitanz ist.
Vielleicht wäre auch mehr los, wenn Herr Dramaturg nicht ständig krank und die Spielzeit nicht fast rum wäre. Energiesparmodus ist da bei den meisten Theaterleuten angesagt. Aber gut, das ist meckern auf hohem Niveau und als Hospitant hat man nun mal auch nicht viel zu sagen.
Spricht Herr Regisseur mich allerdings mal an oder fragt nach meiner Meinung, dann sage ich ihm, was ich denke. Schließlich passe ich auf – und das möchte ich ihm gerne zeigen!
Jetzt gleich geht es auf zum Theater, ein Schauspiel anschauen. Heute Abend ist nur Einzeltextprobe mit einem Schauspieler und die bleiben unter diesem und unserem Regisseur. Vollkommen okay, so nutze ich die Zeit für andere bildende Unternehmungen. Auch das ist schließlich Theater und solange ich dank Hospitanz an Gratiskarten komme, lasse ich mir solche eine Möglichkeit nicht entgehen.

Nebenbei zähle ich außerdem die Tage, bis das Ende der kommenden Woche erreicht ist: Nicht, dass ich keine Lust mehr auf Theater habe, aber Zuhause haben wir Familienbsuch aus Übersee und weil man sich nicht so oft trifft, freue ich mich natürlich riesig auf das Wiedersehen.

Pia

Das verflixte grüne Buch – Dramaturgensorgen und Probenalltag

Meine Erfahrungen als Dramaturgiehospitantin III

„Hast du das grüne Buch gestern eingesteckt?“

„Nee. Das hattest du doch, oder?“

„Ich weiß nicht. Aber du hast gestern drin herum geblättert?“

„Ja, auf der Probe zwischendurch. Als wir die Frage bezüglich der Kantone diskutiert haben.“

„Dann hast du es eingesteckt?“

„Hab es dir gegeben und du hast es mitgenommen.“

„Auf meinem Schreibtisch liegt es aber nicht. Mist!“

– Man wiederhole eben diese Geschichte wahlweise 2-3x die Woche, nur um dann immer wieder zum selben Ergebnis zu kommen:
Das verflixte grüne Buch liegt entweder einsam und vergessen auf dem Küchentisch, ist in die Tasche mit den Bibliotheksbüchern gefallen oder versteckt sich, klein und dünn wie es ist, unter den schweren Seiten der veralten Textfassung in der hintersten Ecke, auf dem hintersten Tisch auf der Probebühne.

Aber gut, wenn die Hospitantin jedes Mal zur Stelle ist und engagiert mit Herr Dramaturg zusammen das halbe Theater auseinandernimmt.
My job in a nutshell – gerne mache ich es aber trotzdem.

Ich bin als Assistentin mehr als nur hinterhertrottender Wackeldackel.
Ich bin
die wandelnde, externe dramaturgische Festplatte,
das Notizbuch nebenan, mit den Schnellschreibfingern,
die schnellste Bücherzurückbringerin und -finderin der Stadt,
Buchtaschenschlepperin,
Buchinhaltskoodinatorin und „Seite XY“-Zeigerin,
Textfassungskorrekteurin,
das Lexikon, das sich noch belesen muss und sich dann in ihrem Informationswust verliert und gerettet werden muss,
stille Beobachterin mit manchmal wachem und auch gerne mal schlafendem Auge,
das Mädchen mit eigener Meinung, die sich ihren Teil denkt,
Teilzeitsouffleuse,
immer interessiert und immer ein offenes Ohr habend zur Stelle,
Aufgabenabschiebeannehmerin,
fluchende Vollzeit-Texterin
und einfach immer da, wenn Irgendwer für Irgendwas zu Stelle sein muss.

Zusammenfassend kann man auch einfach sagen: der Probenalltag hat sich eingestellt. Es wird viel gelesen und szenisch gebaut, ausprobiert und über alles Mögliche diskutiert. Meistens verbringe ich meine Arbeitszeit auch auf den Proben, denn Gucken schult enorm. Trotzdem bin ich hin und wieder auch gerne im Büro, um meinen textischen Kram zu erledigen oder mit Herr Dramaturg verschiedene Angelegenheiten zu besprechen.

Pia

Der Startschuss ist gefallen: Die Konzeptionsprobe

Meine Erfahrungen als Dramaturgiehospitanz II:

Circa zwanzig Leute drängen sich um den vollgestellten Tisch.
Noch herrscht Geplauder, dann geht es los.
Ein Schauspieler hält kurz eine Einführung, wie und warum man sich für das Stück entschieden hat, dann übernimmt der Mann der Stunde:
Unser Regisseur ist Mitte dreißig, redet ziemlich schnell, verstrickt sich hin und wieder und lacht seinem Ensemble trotzdem optimistisch entgegen. „Das wird jede Menge Arbeit, aber das schaffen wir schon,“ meint er abschließend. Zwischendurch übernimmt die Ausstattungsleiterin, erklärt, wie die Bühne für die Produktion aussehen wird.
Ich atme erleichtert aus: Es wird schlicht gehalten, kein Tamtam. Zum Glück!
Anschließend übergibt sie an die Kollegin aus der Schneiderei, ein schneller Blick an die Wand. Skizzen, Stofffetzen ud Fotos zeigen, wie die Kostüme der Darsteller aussehen werden und wo Besonderheiten in der Machung liegen.

Zurück zum Regisseur, der erneut versucht, sein Projekt irgendwie denkbar zu machen, schmackhaft. Er möchte die Geschichte aus ihren bekannten Angeln lösen, ihre Groteske aufzeigen, textstark arbeiten. Zu weiteren Hintergründen übergibt er an den Dramaturgen, der bereits einen erstaunlichen Stapel an Literatur vor sich aufgebaut hat und somit die in der Materialmappe zu findenden Bücher nochmal in ihrer Hülle und Fülle präsentiert. Er erzählt über Prallelen zur Moderne, aber auch, wie das Stück verfasst wurde und wie es bereits interpretiert wurde. Natürlich machen wir es anders – klar!
Trotzdem bleiben einige Sachen erhalten: Ort und Sprache sind original geblieben.

Bevor es zum ersten Durchlesen geht, kommen Diskussionspunkte auf den Tisch und auch, an welchen Stellen im Stück es noch Unklarheiten gibt. Viel soll sich über den Probenprozess klären, wenn Schauspieler und Regisseur die Materie gemeinsam bearbeiten und zum Leben erwecken.

Ich gebe zu, das Durchlesen ist immer etwas zäh. Es ist so, als würde man eine Gute-Nacht-Geschichte vorgelesen bekommen, die man aber schon selbst gelesen hat. Nicht langweilig, aber es ist auch nichts Unbekanntes daran. Trotzdem bietet sich das erste Lesen an, um sich parallel schon einmal einige Gedanken zu machen und Notizen in die Fassung zu kritzeln. Das war mir zu lang, das zu eintönig. Hier verstehe ich etwas nicht oder hier muss an der Sprache gearbeitet werden.
Nachher ist man immer etwas schlauer als vorher, die große Erkenntnis gab es allerdings auch noch nicht. Abwarten. Es stehen uns noch sieben Wochen Proben bevor.

Nach der Probe gibt es einen schnellen Plausch mit Dramaturg und Regieassistentin. Da heute Abend „lernfrei“ ist und jeder das Besprochenen nochmal sacken lassen kann, nutze ich die Chance und schließe mich der Kollegin zu einem Besuch der „Mutter Courage und ihre Kinder“ an. Perfekte Abendgestaltung und irgendwie muss ich meine Zeit in der fremden Stadt ja gestalten. Da ist Kontakte knüpfen auf jeden Fall sinnvoll und ich muss nicht alleine in der Wohnung herumsitzen.

Bis dahin meide ich noch die drückende Hitze, lese ein wenig und hoffe auf ein nächtliches Gewitter.

Pia

 

Der wichtigste Raum im Theater oder: Warum Dramaturgen einfach nur literarische Seemänner sind

Meine Erfahrungen als Dramaturgiehospitantin I

Es gibt einen Raum im Theater, ohne den läuft da nix. Einen Raum, aus dem man Wörter schallen hört, die man gar nicht hören wollte oder sollte. Einen Raum, in dem der Dramaturg wohnt, mit dem er verwachsen ist, der an ihm klebt wie ein dauerhaft schwitzender Parasit.
Richtig, die Rede ist vom sagenumwobenen…. Kopierraum.
Ja, genau. Der Kopierraum. In dem die Grenze zwischen Realität und Hölle verschwimmt und unkenntlich wird. In dem es nach Hass und Widersetzung riecht und ein keckes Piepen die vom Schweiß zugelaufenen Ohren wieder hellhörig macht.

Montags vor der Konzeptionsprobe ist die Geburtststunde der Materialmappe. Naja, eigentlich ist es erstmal die Erstellung eines J.K. Rowling-Roman dicken Haufens Papier, der dann mit einer Bindemaschine zusammengezwungen wird.
Und! Ein lustiges Titelbikld bekommt! Muss ja was lustiges dran sein, an dem Ding…
Äh, ja. Egal!
Also schleppt die aufstrebende Dramaturgin der Zukunft nicht nur einen ein Meter hohen Stapel an Ergänzungswerken und Erzählungen, Erläuterungen und Biografien durch den Flur, sondern auch dieses mulmige Gefühl. Dieses eine aufkeimende Zittern, der Korpierer könnte kaputt sein. Oder die Tinte leer. Oder noch schlimmer: Das Format der zu kopierenden Bücher passt nicht doppelseitig auf A4!
Inneres Aufschreien.
Nach einer guten Stunde dann die Gewissheit: Alles durch. Alles gut gelaufen – und alles, was nicht wollte, wurde erfolgreich mit Fluchen zum Funktionieren gebracht.

Dramaturgen sind irgendwie wie echte Matrosen. Die Hälfte ihres Tagesvokabulars besteht an Bürotagen meist aus diversen Schimpfworten der deutschen oder auch anderen Sprachen.
In der Regel richtet sich dieses aufbrausende Volk nie gegen seine Mitmenschen, sehnt aber doch die schnelle Entwicklung und sereienmäßige Produktion von Kopierrobotern und Suchmaschinen-bedienenden-Androiden herbei.
Das kostet so viel Zeit und noch viel mehr dringend benötigte Nerven.

Nach dem ersten erfolgreichen Kopiervorhaben schlendert die kleine aufstrebende Dramaturgin dann erst mit dem einen meterhohen Stapel Büchern zurück ins Büro, nur um dann den ebenfalls fast einen Meter hohen wesentlich instabileren Stapel an kopierten und noch losen Seiten diesem hinterherzutragen. An das drölfzig-fache erneute Kopieren dieser „Mappe“ denkt sie in diesem Moment noch gar nicht. Das wird morgen gemacht, um das Stresslevel vor der Konzeption nochmal hochzupushen, panisch mit dem rebellierenden Drucker zu fechten (ich schwöre euch, die Dinger riechen Stress!) und dann schnappatmend samt Chef zur ersten Probe zu erscheinen. Alles locker! Alles easy!

Während man dann im Büro sitzt und sinniert, wie man denn dieses dreihundertseitige Manifest an Wissen rund um das Theaterstück innerhalb der nächsten 14 Stunden halbwegs gelesen und sortiert bekommt, klingt Chefs Stimme schon durch den Raum: „Oh nee, ich hab eins vergessen!“ Also bekommt man die Bibliothekskarte in die Hand gedrückt und holt nicht nur eins, nein drei Bücher (spontane Ausleih-Impulse sind ein Berufssympthom) aus der naheliegenden Bücherei. Das Vierte kommt morgen erst aus dem Magazin da.

Summa summarum ein sehr buchiger Tag. Ein sehr klassisch dramaturgischer Tag, denn es gibt nichts, was in diesem Berufsfeld mehr geschätzt wird als gedrucktes Wort auf modernen oder auch gerne antik haptischem Papier. Oh ja, welche Wonne!
Morgen geht es dann mit dem zweiten Glück weiter: Probenbeginn! Aka: Wenn Worte das Leben lernen.

Vorfreudig und literarisch beseelt,

Pia